Alternative Texte Die nicht triviale Kunst der Bildbeschreibungen auf den Grund gehen

Portrait von Sarah Kitza mit drei unterschiedlichen Alternativtexten: "Sarah Kitza", "Junge Frau" und " Junge Frau mit langen, braunen Haaren. Zusätzlich der Schriftzug: TU - Technische Universität Dortmund.

Jedes Jahr erreichen mich ein Dutzend Anfragen von StudentInnen zum Thema barrierefreies Webdesign. Selten war ich von der Gründlichkeit so beeindruckt wie bei der anstehenden Masterarbeit von Sarah Kitza. In einer sogenannten Expertenbefragung haben wir die Formulierung von Alternativtexten für Grafiken umfassend besprochen und daraus hat sie jetzt einen Fragebogen entwickelt, den ich unbedingt bewerben möchte.

Wenn auf Webseiten Grafiken eingesetzt werden, dann können Online-Redakteure einen alternativen Text der Grafik hinzufügen, der von Screenreadern anstelle des Bildes ausgegeben wird. In der Praxis muss allerdings häufig festgestellt werden, dass Alternativtexte die Bilder ungenügend beschreiben. Am Ende des Beitrags finden Sie dazu einen Quiz: Hätten Sie das Bild bei den Alternativtexten wirklich erwartet?

Der Fragebogen

Genau an dieser Stelle setzt Sarah an. Das Ziel des Fragebogens ist es, die Nutzerbedürfnisse bei der Formulierung von Alternativtexten zu ermitteln. Ihre Ergebnisse werden an der TU Dortmund weiterverarbeitet, um Leitlinien für die Vergabe von Alternativtexten auf Webseiten festzulegen.

Der Fragebogen ist ausschließlich an Screenreadernutzer gerichtet, umfasst 35 verständliche Fragen und kann bis zum 13. Oktober 2015 online ausgefüllt werden. Wenn Sie blind oder sehbehindert sind und mit Braille oder Sprachausgabe arbeiten, nehmen Sie sich bitte die 30 Minuten Zeit, die Fragen zu beantworten.

Hintergrund

Vor allem Webentwickler mögen sich an dieser Stelle fragen, warum diese Untersuchung so wichtig ist, denn mit den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) 2.0 gibt es bereits festgelegte Kriterien für Alternativtexte mit zahlreichen Best-Practice-Beispielen und im Entwurf der HTML 5.1 Spezifikation werden darüber hinaus die Anforderungen an Alternativtexte genauer beschrieben.

Wer ernsthaft versucht, Alternativtexte stets so zu formulieren, dass es keine Informationsverluste gibt, stellt schnell fest, dass es Grenzen gibt. Einige Bilder benötigen mehr Text: („Ein rotes Auto“ signalisiert beispielsweise nicht, dass es sich um einen Formel-1-Rennwagen italienischer Bauart handelt, das gerade über eine Zielgerade fährt) und das Einfangen von Emotionen in einem Text unterliegt ohnehin der subjektiven Wahrnehmung. Unter dem Strich ist außerdem die Anforderung an den Alternativtext immer abhängig vom Kontext des Bilds.

Abgesehen von den offensichtlichen Schwierigkeiten bei der inhaltlichen Beschreibung kommt hinzu, dass es durchaus widersprüchliche Aussagen zur erforderlichen Qualität des Alternativtextes gibt. Das kann anhand eines Fotos von Personen verdeutlicht werden, das “Freundlichkeit“ vermitteln soll. Während in einem Tutorium des W3C zu Alternativtexten in einem Beispiel zu informativen Grafiken empfohlen wird, beabsichtigte Eindrücke direkt zu benennen, hat eine Nutzerbefragung von WebAIM ergeben, dass weniger als 10% der Screenreadernutzer eine solche Interpretation wünschen, und die klare Mehrheit eine objektivere Beschreibung der Bildinhalte vorzieht.

Was ist der richtige Alternativtext?

Wer die Schwierigkeit beim Formulieren von Alternativtexten an sich selbst ausprobieren möchte, kann sich durch die folgenden Buttons klicken. Zunächst werden verschiedene (formal auch richtige) Alternativtexte eingeblendet und zum Schluss wird ein Bild gezeigt. Überlegen Sie, ob sie ein solches Bild erwartet haben und schreiben Sie einen Kommentar, wenn Sie einen besseren Vorschlag für den Alternativtext haben.

alt="Junge isst ein Eis"

alt="Junge isst ein Schokoladeneis am Stiel"

alt="Junge isst ein Magnum
vor einem Holzgartenzaun"

alt="Junge hält ein Eis, nimmt den Kopf
zurück, hat weit geöffnete Augen
und hochgezogene Augenbrauen"

Der Alternativtext ist in diesem Beispiel bewusst leer gelassen worden
Was ist mit den roten Haaren?















4 Reaktionen auf “Alternative Texte – Die nicht triviale Kunst der Bildbeschreibungen auf den Grund gehen”

  1. S. Lechner

    Hallo! Ich finde das Thema sehr interessant, da ich in (weit) zurückliegenden Kontexten sowohl nach Beispielen als auch nach schlüssigen Beschreibungen (für einen Styleguide-Kontext) gesucht habe, um sinnvolle Alt-Texte zu ermöglichen. Leider habe ich wenig Vorstellungen, wie Screenreadernutzer sich „ein Bild vom Bild“ machen. Daher würde ich dem Alternativtext Nr. 4, obwohl am sperrigsten, zunächst zustimmen: Er beschreibt am genauesten, was zu sehen ist. Aber keiner der Alternativtexte hat mir die Möglichkeit gegeben, die Stimmung des Bildes vorwegzufühlen. Ich erwartete – vermutlich aufgrund der generellen Motivwahl und meiner Sehgewohnheiten – ein Motiv mit strahlendem Buben, fertig für Sommer-Eis-Werbung. Die roten Haare (in der Schlussanmerkung unterm Bild erwähnt) wären mir nicht so wichtig als Zusatzinformation, aber sehr wichtig wäre mir das Alter, und doch irgendein Zugang zur Stimmung der Situation – vielleicht mit Konjunktiv oder Fragezeichen, wenn der Beschreibende das Bild nicht selbst gemacht hat (Junge, zirka 4 Jahre alt, mit halb aufgegessenem Magnum-Eis. Er hält es vor sich in Richtung Kamera. Er scheint es sehr cool zu finden, dass er so ein Eis hat.). Das Bild scheint aber einen Einblick in eine private Situation zu erlauben – ich komme mir beim Betrachten wie ein Eindringling vor: Das Bild ist nicht für mich gemacht. Daher würde ich, erst das Bild sehend, eine Beschreibung wie folgt erwarten: Mein Sohn, 4 Jahre alt, zeigt sein halb aufgeschlecktes Magnum-Eis vor. Er findet es total cool und posiert ein bisschen.

    Ich weiß nicht, ob das hilft. Wenn möglich, würde ich über eine Teilhabe an den Ergebnissen sehr freuen! Beste Grüße & viel Erfolg! S. Lechner

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  2. Steffen

    Ich stand neulich auch vor der Aufgabe mir ein paar Alternativtexte zu überlegen. Dabei habe ich mich auch gefragt inwieweit man schon das Bild interpretieren darf oder soll. Interessant zu lesen, dass Screenreaderuser objektive Beschreibungen bevorzugen – entspricht auch eher meiner Empfindung.
    Was ich mich gerade eben allerdings Frage – wie interpretieren Menschen, die von Geburt an Blind sind, eine Aussage wie „Junge mit weit aufgerissenen Augen“? Ich kann mir vorstellen, dass sie natürlich mit der Zeit durch gelernte Kontexte und dem Kontext in dem Moment wissen werden was das bedeutet bzw. welche Emotion dargestellt ist, dennoch bin ich gerade recht neugierig „wie das ist“.

    Ich finde Beschreibung 4 am besten. Den Holzzaun halte ich für relativ irrelevant. Vielleicht kommt es aber auch wieder auf den Kontext an. Vielleicht möchte ein Bild auch transportieren, dass der Junge in einem sommerlichen Garten sitzt? (Garten, Holzzaun … habe da irgendwelche Assoziationen)
    Das Aussehen des Jungen finde ich in der Konstellation hier auch eher untergeordnet wichtig. Ich stelle mir aber gerade eine Bilderserie vor. In dieser sollte der Junge doch schon eher beschrieben werden. (Die roten Haare und die Sommersprossen nicht vergessen! … Pipi Langstrumpf!!??) Das kann ja in einem der ersten Bilder geschehen, danach wäre er nur noch der Junge mit den roten Haaren oder so ähnlich.

    Ich könnte das jetzt mal so zusammenfassen, dass man die Attribute objektiv so beschreiben soll, dass Sie zur Erfassung des Kontextes, (beabsichtigter) Einordnung in den Kontext und (beabsichtigter) emotionaler Interpretation hindeuten, diese aber nicht vorwegnehmen.
    Klingt das schlau?

    Am Ende ist die Wahl der Beschreibung natürlich wieder subjektiv gefärbt – aber das war die Bildauswahl eines Redakteures oder die Bilderstellung des Fotografen ja auch schon …

    lg
    Steffen

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  3. Studie zu Alternativtexten – Teils klare und teils subjektive Anforderungen | Chemnitzer 14

    […] hat Sarah Kitza, Studentin an der TU Dortmund, Screenreadernutzer dazu aufgerufen, sich an einer Umfrage zur Gestaltung von Alternativtexten zu beteiligen. Hintergrund war ihre Masterarbeit, in der sie […]

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